„Wir haben im Zuge der Corona-Pandemie andere Wege zu unseren Stammkunden gefunden.“

Kein Publikumsverkehr, kein Umsatz: Gaststätten oder Einzelhändler mit stationärem Angebot sind schwer von der Schließung aufgrund von Covid-19 betroffen. Viele müssen sich umorientieren und nach neuen Wegen suchen, Umsätze zu generieren und insbesondere mit der Stammkundschaft in Verbindung zu bleiben. Auch das Schuhhaus Hölscher aus Emsdetten musste umschwenken. Inhaber Thomas Hüser im Interview über die Entwicklung neuer Service-Angebote in Krisenzeiten und die zukünftige positive Entwicklung des Unternehmens, die sich seiner Ansicht nach aus der aktuellen Situation ergeben kann.

Herr Hüser, aufgrund von Covid-19 sind Sie als Schuhhandel mit stationärem Angebot von der Schließung Ihres Ladengeschäfts ebenfalls betroffen. Wie haben Sie die letzten Wochen wahrgenommen?

Thomas Hüser: Als die Diskussion mit Covid-19 an Fahrt aufnahm, haben wir sofort die Vorsichtsmaßnahmen in unserem Geschäft erhöht. Wir haben darauf geachtet, dass die Kundschaft kontrolliert und „mengenbegrenzt“ Zutritt zu unserem Verkaufsraum erhalten und unseren Mitarbeitenden zugewiesen wurden. Das hat sehr gut geklappt. Obwohl der Koordinationsaufwand höher und der Zutritt für die Kundschaft begrenzt war, blieben unsere Umsätze stabil. Schön war es, dass alle – sowohl die Kundschaft als auch unsere Mitarbeitenden – super mitgezogen haben. Als wir dann komplett schließen mussten, war das erst einmal ein Schock für uns. Nach zwei Tagen haben wir uns dann berappelt und sind die neue Situation aktiv angegangen.

Wie gehen andere SchuhhändlerInnen in Ihrer Region mit der Situation um?

Thomas Hüser: Für viele ist es schwer, die Umsatzverluste zu kompensieren. Nicht jeder kann alternative Kanäle zum stationären Verkauf aus dem Hut zaubern.

Ganz im Gegensatz zu Ihnen, denn parallel zu Ihrem stationären Angebot betreiben Sie schon seit vielen Jahren einen Online-Shop….

Thomas Hüser: … dessen Umsatzvolumen aber seit Jahren nur einen sehr geringen Anteil am Gesamtumsatz ausmacht. Den Hauptteil unseres Online-Umsatzes generieren wir über Plattformen. Rund 80 Prozent unseres Umsatzes erwirtschaften wir mit unserem Team über Verkäufe in unserem Geschäft. Und auch Covid-19 hat die Umsatzanteile nicht zugunsten des Online-Shops verschoben. Hier weigern wir uns an den jetzt einsetzenden Rabattschlachten teilzunehmen. Zudem werden auf Plattformen derzeit hauptsächlich preiswerte Artikel und Schnäppchen gesucht.

„Wir haben im Zuge der Corona-Pandemie andere Wege zu unseren Stammkunden gefunden und letztlich unser Service-Angebot bereichert.“

Der Online-Shop ist also nicht ihr „digitaler Rettungsanker“?

Thomas Hüser: Der Online-Shop dient seit Jahren eher als verlängertes Schaufenster für unsere Produkte und Kommunikationsplattform zu unseren stationären Kunden. Man kann sich durchklicken und schauen, was wir bieten. Von unseren Newslettern gelangt man zum Beispiel auf unsere Homepage mit weiteren Informationen zu den Produkten. Über den Online-Shop erreichen wir den Kundenkreis, der nicht im unmittelbaren Umfeld unseres Geschäfts in Emsdetten lebt und sich gerne vorab informiert bevor er sich zu uns auf den Weg macht. Die Kundschaft aus der Region kommt zu uns in das Geschäft bleibt uns auch jetzt treu. Gerne nutzt sie unseren Lieferservice in Verbindung mit unserer virtuellen Beratung. Unser Kernabsatzgeschäft findet einfach stationär statt. Wir haben im Zuge der Corona-Pandemie andere Wege zu unseren Stammkunden gefunden und letztlich unser Service-Angebot bereichert.

Können Sie Ihren Lieferservice und Ihre virtuelle Beratung kurz erklären?

Thomas Hüser: Wir vereinbaren mit unseren Kunden einen gemeinsamen Beratungstermin für eine virtuelle Rundführung durch unser Ladengeschäft. Wir führen mit den Kunden eine Videokonferenz durch und gehen mit dem Smartphone durch das Geschäft und präsentieren verschiedene Schuhmodelle. Zur Anprobe liefern wir im Anschluss zwei bis drei Schuhpaare nach Hause oder sie werden nach Terminabsprache von den Kunden abgeholt. Anschließend werden die Schuhe dann per Überweisung bezahlt, zurückgebracht oder wieder abgeholt. Hinzu kommt, dass unsere ausladende Schaufensterfront im Geschäft stark frequentiert wird. Das haben wir uns zunutze gemacht.

Schaufenster Schuhhaus Hölscher Emsdetten (Foto: Thomas Hüser)
Schaufenster Schuhhaus Hölscher Emsdetten (Foto: Thomas Hüser)

Inwiefern?

Thomas Hüser: Mit unserer großen Schaufensterfläche sind wir natürlich prädestiniert. Wir nutzen das stark als Präsentationsfläche für unsere Artikel. Wir haben auf eine aufwändige Deko verzichtet, sondern jedes neue Schuhmodell ins Fenster gestellt. Jedes Produkt trägt eine eigene Nummer. Wir sind mittlerweile bei Nummer 535 angekommen. Wir bekommen dann Anfragen, in der speziell die Nummer angegeben wird, die wir dann zur Anprobe nach Hause liefern.

„Ganz sicher bin ich mir jedoch, dass diese Krise irgendwann einmal rückblickend Auslöser für eine enorme – aber durchaus positive – Entwicklung unseres Unternehmens gewesen sein wird.“

Ich habe noch eine Frage an Sie: was nehmen Sie aus der jetzigen Situation mit? Gibt es neue Impulse für die Zeit nach der Ausgangsbeschränkung?

Thomas Hüser: Durchaus. Erst einmal haben wir viel über uns als Team gelernt und haben die Hürden genommen, digitale Werkzeuge in unsere Arbeit zu integrieren. Widerstände sind zum größten Teil aufgelöst. So konnten wir eine Videokonferenz mit allen Mitarbeitern abhalten. Die technische Vorbereitung musste ja durch die Mitarbeiter selbst erfolgen. Trotzdem waren wir nach gut einem halben Tag alle in der Konferenz. Für solch ein Projekt hätte es sonst mindestens drei Monate gebraucht. Auf jeden Fall bleibt unser Geschäftsmodell der Verkauf von Schuhen garniert mit professioneller Beratung. Das Geschäftsmodell bedient sich jetzt „gezwungenermaßen“ der Vorzüge der virtuellen Welt. Aber es gibt meinerseits schon erste Überlegungen, neue Geschäftsmodelle aufzubauen, die gezielt mithilfe digitaler Helfer durchführbar wären. Schauen wir mal, wann wir das auf den Weg bringen. Ganz sicher bin ich mir jedoch, dass diese Krise irgendwann einmal rückblickend Auslöser für eine enorme – aber durchaus positive – Entwicklung unseres Unternehmens gewesen sein wird.

 

Das Telefon-Interview führte Alexander Bose.

 

Foto Kopfbereich: Adobe Stock – inueng
Redaktionelles Foto: Thomas Hüser, Schuhhaus Hölscher